Rohöl — Import vs. Verbrauch Deutschland
Jan 2026 – Apr 2027
Seit dem 28. Februar 2026 befindet sich die globale Energieversorgung in einer Ausnahmesituation. US-amerikanische und israelische Luftschläge gegen iranische Militär- und Nuklearanlagen haben eine regionale Eskalation ausgelöst, die weit über den eigentlichen Konflikt hinausreicht. Iran reagierte mit Vergeltungsangriffen auf Militärbasen und Energieinfrastruktur in mehreren Golfstaaten — darunter Saudi-Arabien, die VAE, Kuwait, Katar und Bahrain.
Aktuelle Herausforderungen
Seit dem 28. Februar 2026 befindet sich die globale Energieversorgung in einer Ausnahmesituation. US-amerikanische und israelische Luftschläge gegen Militär- und Nuklearanlagen im Iran haben eine regionale Eskalation ausgelöst, die weit über den eigentlichen Konflikt hinausreicht. In der Folge kam es zu Vergeltungsschlägen auf Militärbasen und Energieinfrastruktur in mehreren Golfstaaten — darunter Saudi-Arabien, die VAE, Kuwait, Katar und Bahrain.
Der zentrale Engpass ist die Straße von Hormus. Durch diese 34 Kilometer breite Meerenge fließen unter normalen Bedingungen rund 20 Millionen Barrel Rohöl pro Tag — etwa ein Fünftel des weltweiten Bedarfs. Seit Konfliktbeginn ist der Tankerverkehr um über 90 Prozent eingebrochen. Laut CNBC passierten seit dem 28. Februar nur noch 21 Tanker die Meerenge, verglichen mit über 100 Schiffen täglich zuvor. Über 150 Schiffe ankern außerhalb der Straße und warten ab.
Die wirtschaftlichen Folgen sind bereits messbar: Der Rohölpreis (Brent) stieg von rund 70 US-Dollar pro Barrel Ende Februar auf zeitweise 119 US-Dollar am 19. März — ein Anstieg von über 55 Prozent. Am 23. März notiert Brent bei rund 111 US-Dollar. Die IEA bezeichnete die Situation als die „größte globale Energiesicherheitskrise der Geschichte“ und gab am 11. März 400 Millionen Barrel aus strategischen Reserven frei — die größte Notfall-Freigabe seit Gründung der Organisation 1974.
Chronologie der Eskalation (28. Feb. – 23. März 2026)
- 28. Feb.: US-amerikanische und israelische Luftschläge auf Militär- und Nuklearanlagen im Iran. Beginn des bewaffneten Konflikts. Brent steigt um 10–13 % auf ~80 $/bbl.
- 1.–3. Mär.: Tanker in der Straße von Hormus werden beschossen. Tanker „Skylight“ getroffen, 2 Besatzungsmitglieder kommen ums Leben (Al Jazeera). Tankerverkehr bricht zusammen.
- 4. Mär.: Hormus de facto geschlossen für zivilen Verkehr. Brent durchbricht 120 $/bbl.
- 5.–10. Mär.: Energieinfrastruktur in mehreren Golfstaaten wird beschädigt — Mina al-Ahmadi Raffinerie in Kuwait (730.000 bbl/d Kapazität), Anlagen in Saudi-Arabien und den VAE. Golfstaaten-Produktion fällt um geschätzte 10 Mio. bbl/d (CNBC).
- 11. Mär.: IEA gibt 400 Mio. Barrel strategische Reserven frei. USA stellen 172 Mio. Barrel aus der SPR bereit, Auslieferung über 120 Tage (IEA Pressemitteilung).
- 12. Mär.: OPEC+ beschließt Fördererhöhung ab April um 206.000 bbl/Tag — trotz Krise, um Angebotsmangel zu begrenzen.
- 15.–20. Mär.: Kostenpflichtiges Transitkorridorsystem durch Hoheitsgewässer im Persischen Golf wird etabliert. Erste Tanker nutzen die Route gegen Gebühren von bis zu 2 Mio. USD pro Passage (CNBC).
- 20. Mär.: Zweiter Angriff auf Kuwaits Mina al-Ahmadi Raffinerie (Al Jazeera).
- 21.–23. Mär.: Intensivierung der Luftoperationen in der Region (NPR). Kein Waffenstillstand in Sicht.
Import vs. Verbrauch — Monatlich nach Szenario (Mio. Tonnen/Monat)
Kumulativer Saldo (Import − Verbrauch) — Jan 2026 – Apr 2027
Szenario-Übersicht — Jahreswerte 2026 & kritische Momente
| Szenario | Jahresimport 2026 (Mt) | Jahresverbrauch 2026 (Mt) | Kum. Saldo 2026 | Kritischer Moment | IEA-Reserve nötig |
|---|---|---|---|---|---|
|
De-Eskalation Hormus offen Q2 |
~78 Mt | ~87 Mt | −9 Mt (DE Raffinerie- Export deckt Lücke) |
Keiner — Normalbetrieb | Minimal / keine |
|
Base-Case Teilstörung, OPEC+ erhöht |
~73 Mt | ~86 Mt (−2% Preis- dämpfung) |
−13 Mt | Jun–Sep 2026: Importlücke ~1–1,5 Mt/Mo. |
~3–5 Mt aus IEA-Pool |
|
Eskalation >60 Tage Blockade |
~65–68 Mt |
~84 Mt (−5% Nachfrage- dämpfung durch Preis) |
−16 bis −19 Mt | Apr–Dez 2026: strukturelles Defizit |
~10–15 Mt — IEA-Reserve signifikant angegriffen |
| Vorjahr 2025 (Referenz) | 75,7 Mt | ~88 Mt | −12 Mt (üblich, da Raffinerie-Export) |
Kein Engpass | Keine |
Einordnung und Ausblick
Deutschlands direkte Abhängigkeit von Öl aus dem Iran ist gering — aufgrund der seit 2012 bestehenden Sanktionen importiert Deutschland kein Rohöl aus dem Iran. Auch der Anteil nahöstlicher Lieferanten insgesamt liegt bei nur 6,1 Prozent der deutschen Rohölimporte (Destatis 2025). Die Hauptlieferanten — Norwegen, Kasachstan, USA, Libyen, Nigeria — sind vom Hormus-Engpass nicht direkt betroffen.
Das eigentliche Risiko liegt in der globalen Verfügbarkeit. Durch die Straße von Hormus fließen unter normalen Bedingungen rund 20 Millionen Barrel pro Tag — ein Fünftel des weltweiten Bedarfs. Fällt dieses Volumen weitgehend aus, konkurrieren alle Importnationen um die verbliebenen Mengen auf dem Weltmarkt. Die Preise steigen für alle Abnehmer, unabhängig davon, woher ihre konkreten Lieferungen stammen. Ein dauerhafter Brent-Preis über 100 US-Dollar pro Barrel verteuert Kraftstoffe, Heizöl, petrochemische Vorprodukte und Transportkosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Die Lage verschärft sich durch einen zweiten Faktor: Seit dem Ukrainekrieg 2022 hat die EU den Import von Rohöl aus Russland per Seeweg weitgehend eingestellt. Russland war zuvor mit rund 27 Prozent der größte Einzellieferant der EU. Diese Mengen wurden durch Lieferanten aus Norwegen, den USA, Kasachstan und dem Nahen Osten substituiert — teilweise über genau jene Handelsrouten, die nun durch den Hormus-Konflikt betroffen sind. Solange die EU an den Russland-Sanktionen festhält, fehlt eine der naheliegendsten Ausweichoptionen. Deutschland und Europa stehen damit vor einer doppelten Verknappung: Das Angebot aus dem Persischen Golf ist durch die Hormus-Blockade eingeschränkt, während Öl aus Russland aus politischen Gründen nicht zur Verfügung steht.
Auch die USA als Ersatzlieferant sind keine Garantie. Die Vereinigten Staaten sind zwar seit 2019 Netto-Exporteur von Rohöl und Erdölprodukten, doch dieser Status beruht auf einem knappen Überschuss — nicht auf unbegrenzten Reserven. Bei einer anhaltenden globalen Verknappung stehen die USA vor der politischen Abwägung zwischen Exportverpflichtungen gegenüber Verbündeten und der Sicherung des eigenen Binnenmarkts. Historisch haben die USA in Krisenzeiten bereits Exportbeschränkungen für Energieträger verhängt (bis 2015 bestand ein generelles Rohöl-Exportverbot). Sollte der Hormus-Konflikt andauern und die heimischen Preise steigen, ist eine Drosselung oder Einstellung der Ölexporte ein realistisches Szenario. Für Europa würde damit eine weitere Ersatzquelle wegfallen. Die verbleibenden Lieferoptionen — Nordafrika, Westafrika, Nordsee — müssten dann einen noch größeren Anteil der Nachfrage decken, bei gleichzeitig schrumpfendem globalem Angebot.
Regionale Auswirkungen jenseits des Iran. Der Konflikt hat die Energieinfrastruktur mehrerer Golfstaaten beschädigt. Kuwaits Mina al-Ahmadi Raffinerie — eine der größten der Welt mit 730.000 Barrel/Tag Kapazität — wurde am 12. und 20. März beschädigt (Al Jazeera). In Saudi-Arabien, den VAE und Bahrain gab es zivile und militärische Opfer. Katar wies Sicherheitskräfte mit Verbindung zum Konflikt des Landes. Der Produktionsausfall in den Golfstaaten wird auf rund 10 Millionen Barrel pro Tag geschätzt (CNBC). Damit fällt nicht nur der Transit durch die Meerenge aus — auch die Förderung selbst ist in der Region teilweise unterbrochen.
Die IEA-Reservefreigabe puffert, löst das Problem aber nicht. Die freigegebenen 400 Millionen Barrel entsprechen bei einer Freigaberate von rund 1,3 Millionen Barrel/Tag einer Überbrückung von etwa 300 Tagen. Der US-Anteil von 172 Millionen Barrel wird über 120 Tage ausgeliefert (IEA). Diese Maßnahme reduziert kurzfristig den Preisdruck, kann aber weder den strukturellen Ausfall des Hormus-Transits noch den gleichzeitigen Wegfall der Liefermengen aus Russland dauerhaft kompensieren. Strategische Reserven sind endlich — sie kaufen Zeit, schaffen aber kein neues Angebot.
Die drei dargestellten Szenarien bilden die Bandbreite möglicher Entwicklungen ab. Im De-Eskalationsszenario öffnet sich die Straße von Hormus im zweiten Quartal wieder, die Importmengen normalisieren sich. Im Base-Case bleibt die Störung über den Sommer bestehen, OPEC+-Mehrförderung und IEA-Reserven begrenzen das Defizit auf ein handhabbares Maß. Das Eskalationsszenario geht von einer dauerhaften Blockade über mehr als 60 Tage aus — mit einem kumulativen Importdefizit von bis zu 19 Millionen Tonnen bis Jahresende 2026. In diesem Fall würden die deutschen IEA-Pflichtreserven (90 Tage Importäquivalent, rund 17 Millionen Tonnen) signifikant in Anspruch genommen.
Die weitere Entwicklung hängt von Faktoren ab, die sich einer Prognose entziehen: der Dauer der militärischen Operationen, der Bereitschaft zu einem Waffenstillstand, der Funktionsfähigkeit alternativer Exportrouten und der Reaktion der globalen Nachfrage auf das erhöhte Preisniveau. Hinzu kommt die politische Frage, ob und wie lange Europa die parallele Einschränkung zweier großer Bezugsregionen — Persischer Golf und Russland — wirtschaftlich durchhalten kann, ohne dass die Versorgungssicherheit strukturell gefährdet wird.


